Ein (N)Ostalgiezimmer in den eigenen vier Wänden

Heiko Orosz vor seinem Küchenbuffet voller Erinnerungen an die DDR. In einem Zimmer seiner Wohnung sammelt er Lebensmittel und Alltagsgegenstände. In der Hand hält er die Flasche Kirsch-Whisky mit der 1993 seine Sammelleidenschaft begann.
Heiko Orosz vor seinem Küchenbuffet voller Erinnerungen an die DDR. In einem Zimmer seiner Wohnung sammelt er Lebensmittel und Alltagsgegenstände. In der Hand hält er die Flasche Kirsch-Whisky mit der 1993 seine Sammelleidenschaft begann.

Wenn man von Alters wegen auch nur ein klein wenig vom Alltag in der DDR mitbekommen hat, wird man im (N)Ostalgiezimmer von Heiko Orosz ein ums andere Mal ein „Hach ja“ ausstoßen. In, auf und um Oma Gertruds 50 Jahre altes Küchenbuff et fi nden sich hunderte Gegenstände, die der durchschnittliche DDR-Bürger täglich in der Hand hatte – alles unter dem gütigen Blick Erich Honeckers an der Wand. Angefangen hatte alles 1993 mit einer Flasche Kirsch-Whisky. „Damals arbeitete ich beim Geldtransport. Im Hinterzimmer eines Supermarkts in der Großen Diesdorfer Straße stand die Flasche und mit einem Mal kamen Erinnerungen an die Jugendzeit hoch. Wie oft war mir davon schlecht“, erzählt Heiko Orosz lachend.

19 Jahre alt war der SKLLehrling, als die Mauer fi el. „Damals hatte ich in meinem Elternhaus im Keller ein eigenes Reich. Da haben wir schöne Feten gemacht. Dabei oder auch beim Zelten an der Ehle gab es dann auch die eine oder andere Flasche Kirsch-Whisky“, erinnert er sich. Um diese Jugendzeit zu bewahren, begann er, nachdem er die besagte Flasche vom Marktleiter geschenkt bekommen hatte, mit seiner Sammlung. „Die sollte gar nicht so groß werden. Aber wenn man erst einmal angefangen hat“, sagt er. Dabei gehe es ihm trotz Pionierhemd und FDGB-Wimpel an der Wand überhaupt nicht um die Huldigung vergangener Zeiten, wie er betont. Die Grenzen seiner Leidenschaft sind allerdings langsam erreicht, der Platz wird schlicht zu knapp. Insgesamt schätzt er seinen Bestand auf über 1 000 DDR-Relikte, der Großteil lagert aber im Keller. Und fast täglich kommt eine Kleingkeit hinzu. „Neulich erst habe ich ein noch nie benutztes Klapprad ausgeschlagen, einfach aus Platzmangel“, erzählt er mit Bedauern. Einerseits sei es zwar erstaunlich, was es nach so vielen Jahren noch gibt. Andererseits werde es aber zunehmend schwieriger an passende Fundstücke zu kommen. Zwar gebe es im Internet durchaus noch viele Angebote, oft aber zu horrenden Preisen. „Bei einer Schachtel Salem Gold habe ich bis 15 Euro mitgeboten. Die ging erst für 46 Euro weg. Sammeln ja, aber nicht um jeden Preis“, gibt er sich realistisch. Außerdem ist z.B. auch beim Stöbern auf dem Flohmarkt sein persönlicher Nostalgiefaktor ausschlaggebend. Auch wenn seine Frau Ines anfangs noch schimpfte, dass er den „Krempel“ anschleppte, den andere wegschmeißen würden, ist sie inzwischen auch angefi xt. „Sie schaut selbst und bringt mir oft etwas mit, zuletzt ein Stück Kohle als Gedenkstein der Grube Nachterstedt“, erzählt Heiko Orosz. Auch im Freundeskreis würden viele sein Hobby als Quatsch abtun. „Aber wenn sie dann erst einmal hier sind und die Dinge in die Hand nehmen, kommen auch bei ihnen die Erinnerungen hoch“, freut sich der 42-Jährige. Denn anders als in einem richtigen Museum ist bei ihm Anfassen erlaubt. Und was man dort alles anfassen kann: Ein „Backwunder“, Alu-Folie aus Merseburg, ein komplett gefüllter Sanitätskasten aus Holz, eine Flasche Primasprit mit 95 Prozent Alkohol, selbst ein Autogramm des Staatsratsvorsitzenden gibt es. „Besonders stolz bin ich auf die Speisekarte vom Tele-Café im Berliner Fernsehturm von 1972“, sagt er und zeigt, dass es damals Schildkrötensuppe gab. Nachdem er in der Mieterzeitung seiner Wohnungsgenossenschaft sein Hobby vorgestellt hatte, meldeten sich viele freundliche Leute: „Es gab nur positive Reaktionen. Eine Frau hatte einen alten Kirschsirup. Als ich dann kam, brachte sie sogar einen ganzen Korb voller Spirituosen.“ Wer selbst noch eine verschlossene Konserve oder eine unangerührte Flasche Wein aus VEB-Zeiten hat, kann sich bei Heiko Orosz melden. Lebensmittel und Haushaltsgegenstände, kurz Waren des täglichen Bedarfs, sind gefragt. Dafür fi ndet sich im wohl kleinsten DDRMuseum weit und breit immer noch eine Ecke. (Quelle: Volksstimme)

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Kommentare: 3
  • #1

    Rolf Winkler (Dienstag, 25 Juni 2013 06:42)

    Super !!!!

    Toll das es Leute gibt die unsere Heimat nicht vergessen lassen. Ich freue mich immer wieder jemanden in dieser großen Sammler Runde neu zu treffen !!

    Weiter so .... auf den Anfang einer Sammlerfreundschaft !!

  • #2

    Reiner Tillner (Montag, 06 Oktober 2014 21:03)

    Heiko das hast Du gut gemacht. Schicke Dir demnächst eine
    Streichholzschachtel , Original Osten .
    Alles Gute
    Reiner mit Familie

  • #3

    Wolfgang Cleve (Donnerstag, 05 März 2015 19:05)

    Hallo Heiko,

    was ich durch den zahlreichen Bildern von Dir gesehen habe, hast Du eine super Sammlung. Meine Sammlung kennst Du auch schon.

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