Besuch bei den „Heile-Machern“

Ehrenamtliches Repaircafé im Bürgerhaus Kannenstieg / Tüftler haben hohe Erfolgsquote

Alle zwei Wochen öffnet im Bürgerhaus Kannenstieg ein „Repaircafé“. Seit 2019 machen ehrenamtliche Helfer dort wieder „heile“, was zu schade wäre, um es wegzuwerfen. In der Regel gilt: Je älter das Gerät, desto leichter lässt es sich reparieren.

Friedhelm Boese führt Buch: 2019 - als das Repaircafé im Bürgerhaus Kannenstieg startete - haben die ehrenamtlichen Tüftler insgesamt 131 kaputte Gerätschaften entgegengenommen, wovon sie 92 reparieren konnten. Im Jahr darauf waren es 84 Gegenstände. „Da haben wir 74 wieder heil gemacht.“ 2021 gab es 50 Reparatur-Wünsche, von denen 40 glückten. Der Rückgang bei den Aufträgen hat mit der Corona-Pandemie zu tun. Wegen Lockdown und Kontaktbeschränkungen musste die Reparaturwerkstatt für längere Zeit geschlossen bleiben. Doch jetzt sind die fleißigen Herren wieder voll im Einsatz. Alle 14 Tage - der nächste Termin ist am 20. April - stehen sie zwischen 15 und 17 Uhr in der Johannes-R.-Becher-Straße 57 parat. Mitstreiter sind stets willkommen.

Hohe Erfolgsquote

Im Schnitt seien es 70 bis 80 Prozent der defekten technischen Geräte, welche die Bürger im Repaircafé abgeben, die wieder zum Laufen gebracht werden, schätzt Boese. Darunter Staubsauger, Toaster, Radios, Mixer, Bügeleisen, Fernseher, Schwibbogen, Uhren, Kassettenspieler, Bohrmaschinen, Föhne und was nicht sonst noch alles. In der Regel gilt: Je älter das Gerät, desto leichter lässt es sich reparieren. Entscheidend sei, wie gut das Innenleben zu erreichen ist. Bei modernen Maschinen ist dort vieles verklebt, nicht mehr auseinanderzunehmen, vielmehr schon vom Werk aus auf Obsoleszenz angelegt. Bei älteren und hochwertigen Geräten sind dagegen Schrauben eingesetzt, die dann herausgelöst werden können. Als Grundsatz für die emsigen Reparateure gilt: „Wir probieren alles.“ Oftmals besteht eine emotionale Verbundenheit der Kunden zu ihren Geräten, weswegen sie sich um eine Reparatur bemühen. Normalerweise läuft es dann so ab: Die Bürger bringen ihre kaputten Geräte ins Repaircafé, wo eine Erstinspektion durch einen der ehrenamtlichen Tüftler erfolgt. Sofern dieser zur Einschätzung kommt, dass sich eine Reparatur lohnt, wird das Gerät dabehalten. Wenn es nicht direkt repariert werden kann, gibt es einen Beleg. Zwei Wochen später, beim nächsten Café, kann das Gerät dann im reparierten Zustand abgeholt werden. Manchmal sind es vier oder fünf, die in den zwei Stunden vorbeischauen, es waren aber auch schon 20. Im Übrigen nicht nur aus Magdeburg, sondern ebenso aus den umliegenden Kreisen.

Jeder gibt, was es wert ist

Im Bürgerhaus haben sich die Ehrenamtlichen in Eigeninitiative eine kleine Werkstatt eingerichtet. Nicht selten nehmen sie die Reparaturaufträge aber auch mit nach Hause, um sie dort wieder „heile zu machen“, wie Friedhelm Boese es ausdrückt. Alles in ihrer Freizeit. „Ich bin Rentner, da hat man ein wenig mehr Zeit“, sagt er mit einem Schmunzeln. Gut sieht es für den kaputten Video-Spieler aus, der an diesem Mittwoch abgegeben wird. „Die Mechanik läuft“, sagt der Ehrenamtliche nach der Ersteinschätzung. Er muss vermutlich nur gesäubert werden, ehe er wieder Filme abspielen kann. Die Reparaturen sind grundsätzlich kostenlos. Es gibt eine Spendenbox. „Jeder kann selbst entscheiden, was ihm die Arbeit wert ist“, so Boese. Mal sind es 10, 20 oder sogar 50 Euro, einmal waren es 30 Cent. Von den Spenden werden dann neue Werkzeuge für das Repaircafé angeschafft. Gleichzeitig wollen die Ehrenamtlichen keine Konkurrenz zu den Fachwerkstätten bilden. Mitunter stehen den Kunden die Tränen in den Augen, wenn das defekte Gerät wieder einwandfrei funktioniert. Und die Ehrenamtlichen freuen sich, dass es abermals geklappt hat. „Man ist stolz darauf, was man heile gemacht hat“, sagt Friedhelm Boese.

Warum reparieren?

„Weil vieles zu schade ist, es wegzuwerfen“, so das Credo. Die vier bis fünf Herren, die derzeit die Stammbesetzung bilden, haben früher etwa als Elektriker und Flugzeugmechaniker gearbeitet. Alle sind sie in der DDR sozialisiert. Das prägt: „Es wird nichts weggeworfen.“

(Quelle: Volksstimme, 13.04.2022)

 

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